Eine Stufe höher – wie Reframing dich wieder handlungsfähig macht

In einem früheren Artikel habe ich kurz erwähnt, dass ich mal in einer Beziehung war die mir jeden Tag den Boden unter den Füßen wegzog. Was ich dort nicht erzählt habe: wie lange es gedauert hat bis ich verstanden habe was ich eigentlich tun musste.

Nicht die Beziehung retten. Den Rahmen wechseln.


Was Reframing wirklich bedeutet

Reframing Psychologie ist kein positives Denken. Es ist keine Technik mit der du dir einredest, dass alles gut wird.

Reframing bedeutet: Du veränderst den Rahmen in dem du eine Situation betrachtest – und siehst dadurch etwas anderes. Nicht weil die Situation sich verändert hat. Sondern weil du verstanden hast, dass dein erster Rahmen nicht der einzige war.

Der Begriff kommt aus der kognitiven Verhaltenstherapie – wurde aber vor allem durch Paul Watzlawick bekannt, dessen Arbeit seit Jahren zur methodischen Grundlage der Münchner Schreibwerkstatt gehört. Watzlawick beschrieb es so: Derselbe Sachverhalt kann in völlig verschiedenen Rahmen betrachtet werden – und jeder Rahmen erzeugt eine andere Wirklichkeit.

Das klingt abstrakt. Aber es passiert dir täglich.


Was ich damals nicht verstand

Meine damalige Freundin litt an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ich sage das nicht um sie zu beschreiben, sondern weil es erklärt was in mir passiert ist.

Ich habe am Anfang jeden Satz ernstgenommen. Jeden Vorwurf, jedes Versprechen, jede Aussage. Das war mein Rahmen: Was jemand sagt, meint er auch so.

Dieser Rahmen hat mich fast zerrissen.

Nach Wochen in denen ich nicht mehr wusste woran ich war, habe ich verstanden dass ich nicht die Beziehung lösen musste. Ich musste verstehen in welchem Rahmen ich die Situation überhaupt betrachtete.

Der neue Rahmen war nicht: Sie ist falsch und ich habe recht. Der neue Rahmen war: Ich höre alles. Ich nehme nichts persönlich. Ich liebe diese Frau – aber ich kann nicht zehn Jahre meines Lebens investieren in der Hoffnung dass sich etwas verändert das sie selbst noch nicht verändern will.

Das war kein Rückzug. Das war Klarheit.

Und Klarheit macht handlungsfähig.


Eine Stufe höher gehen

Genau das meint Reframing in der psychologischen Praxis: eine Stufe höher gehen.

Nicht raus aus der Situation. Sondern raus aus dem Rahmen der dich gefangen hält.

In der TZI nach Ruth Cohn – einer der methodischen Grundlagen unserer Arbeit – gibt es das Bild vom Balkon. Du stehst nicht mehr mitten im Geschehen. Du gehst einen Schritt zurück, schaust von oben, und fragst: Was passiert hier wirklich? Welchen Rahmen benutze ich gerade – und ist das der hilfreiche?

Das ist keine Distanzierung. Das ist der Unterschied zwischen reagieren und handeln.


Das Werkzeug – drei Fragen für den Rahmenwechsel

Wenn du merkst dass du feststeckst – in einer Beziehung, einer Entscheidung, einem Konflikt – hilft dieses Werkzeug:

Erste Frage: In welchem Rahmen betrachte ich die Situation gerade? Schreib ihn auf. Einen Satz. „Ich glaube dass…“

Zweite Frage: Was wäre eine andere, ebenso mögliche Interpretation? Nicht die optimistische – sondern eine andere. Was würde jemand sehen der von außen zuschaut?

Dritte Frage: Welcher Rahmen macht mich handlungsfähiger? Nicht glücklicher. Handlungsfähiger. Das ist der entscheidende Unterschied.

Schreib alle drei Antworten auf. Nicht im Kopf – auf Papier. Weil Schreiben das Denken verlangsamt und sichtbar macht. Wie ich im letzten Artikel über positives Priming geschrieben habe: Was du aufschreibst, nimmst du ernster als was du nur denkst.

Nimm dir jetzt drei Minuten. Nicht später. Schreib die drei Fragen auf – für eine Situation die dich gerade festhält. Nicht um sie zu lösen. Sondern um sie zum ersten Mal wirklich zu sehen.

Wenn du das nicht alleine durcharbeiten willst – in der Münchner Schreibwerkstatt machen wir genau das. In der Gruppe, mit Anleitung, mit Werkzeugen die funktionieren. Schau unter mein-schreibseminar.de was gerade läuft.


Was als nächstes kommt

Reframing ist eine Stufe höher gehen – aber manchmal reicht eine Stufe nicht.

Manchmal braucht es eine ganze Reise.

Im nächsten Artikel schaue ich mir die Heldenreise an – eines der ältesten psychologischen Muster die wir kennen. Und was es bedeutet wenn du mitten drin steckst und noch nicht weißt ob du der Held bist oder derjenige der aufgibt.


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