Wie dein Schreibstil mehr über dich verrät, als du denkst

Schreibstil verbessern mit Psychologie beginnt nicht damit, bessere Sätze zu schreiben. Es beginnt damit zu verstehen, wie du bereits schreibst – und was das über dich und deine Beziehung zum Leser verrät.

Im letzten Artikel habe ich gezeigt, wie die Ich-Du-Wir-Analyse funktioniert – und was sie in Gesprächen sichtbar macht. Heute geht es daher einen Schritt weiter: Das gleiche Werkzeug lässt sich nämlich auf jeden Text anwenden, den du selbst schreibst.


Was deine Texte mit Gesprächen gemeinsam haben

Wenn du einen Text schreibst, führst du ein Gespräch. Allerdings ist es ein einseitiges – dein Leser kann nicht unterbrechen, nicht nachfragen, nicht korrigieren. Deshalb trägt dein Text die gesamte Last der Kommunikation alleine.

Das bedeutet: Muster die sich in Gesprächen einschleichen, tauchen auch in Texten auf. Dabei sind sie dort oft noch deutlicher sichtbar – weil nichts sie abfedert. Kein Tonfall, keine Mimik, kein spontanes Nachgeben im Moment.

Stell dir vor, du schreibst eine Mail an einen Kollegen. Oder einen Blogartikel. Oder eine Bewerbung. Analysierst du diese Texte mit dem Ich-Du-Wir-Schlüssel, siehst du sofort: Wo bist du in diesem Text? Wo ist dein Leser? Und gibt es überhaupt ein Wir – eine gemeinsame Ebene zwischen euch?


Was zu viele Nullen in einem Text bedeuten

Ein Text der fast nur aus Nullen besteht, dreht sich um den Schreibenden. Um seine Gedanken, seine Erfahrungen, seine Meinung. Das ist nicht grundsätzlich falsch – persönliche Texte leben davon. Allerdings verliert der Leser irgendwann das Gefühl, gemeint zu sein.

Stell dir vor, du liest einen Blogartikel. Der Autor schreibt über sich, seine Erlebnisse, seine Erkenntnisse. Interessant – aber du fragst dich irgendwann: Was hat das mit mir zu tun? Warum lese ich das?

Genau dieses Gefühl entsteht, wenn ein Text zu ich-lastig ist. Der Leser wird zur Kulisse. Er konsumiert, aber er fühlt sich nicht angesprochen. Somit verlässt er die Seite – ohne zu wissen warum.


Was zu viele Einsen bewirken

Ein Text der fast nur aus Einsen besteht, stellt den Leser in den Mittelpunkt. Du fragst, du bietest an, du erklärst – immer mit Blick auf das Gegenüber. Das klingt zunächst ideal. Allerdings fehlt dabei oft die eigene Stimme.

Texte die sich zu stark auf den Leser ausrichten, wirken manchmal leer. Sie geben viel – aber du spürst nicht, wer dahinter steckt. Deshalb verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Der Leser fragt sich unbewusst: Wer schreibt das eigentlich? Hat diese Person eine Haltung?

Gute Texte brauchen daher beides – den Schreibenden und den Leser. Nicht nur einen von beiden.


Die Wir-Ebene als stärkste Ebene im Text

Die mächtigste Ebene in einem Text ist die Wir-Ebene. Denn hier entsteht das Gefühl von Gemeinsamkeit – das Gefühl, dass Schreibender und Leser dasselbe erleben, dasselbe denken, dasselbe suchen.

„Wir kennen alle dieses Gefühl…“ – ein Satz wie dieser zieht den Leser sofort hinein. Er fühlt sich gesehen. Er fühlt sich gemeint. Dabei ist es keine Manipulation – es ist echte Verbindung, die durch Sprache entsteht.

Allerdings funktioniert die Wir-Ebene nur, wenn sie ehrlich ist. Ein aufgesetztes „Wir“ wirkt sofort falsch. Der Leser merkt es, auch wenn er es nicht benennen kann. Deshalb ist es wichtig, die Wir-Ebene dort einzusetzen, wo sie wirklich stimmt.


Schreibstil verbessern durch Textanalyse

Das Werkzeug funktioniert genauso wie bei Gesprächen. Du nimmst einen Text – eine Mail, einen Blogartikel, einen Brief – und liest jeden Satz einzeln durch.

Dabei stellst du dir bei jedem Satz dieselbe Frage: Worum geht es hier eigentlich?

0 = Ich – dieser Satz dreht sich um mich, meine Gedanken, meine Perspektive. 1 = Du – dieser Satz dreht sich um den Leser, seine Bedürfnisse, seine Situation. 2 = Wir – dieser Satz verbindet uns beide, schafft gemeinsame Ebene.

Schreib die Zahl an den Rand. Zähl nach. Und schau, was du siehst.

Meistens ist das Ergebnis überraschend – denn wir schreiben anders als wir denken zu schreiben. Viele die glauben, leserorientiert zu schreiben, finden beim Zählen fast nur Nullen. Und viele die denken, sie seien zu ich-lastig, finden eine gesündere Balance als erwartet.


Wie du deinen Schreibstil durch Reflexion verbessern kannst

Das Besondere an dieser Methode ist, dass sie keine Theorie bleibt. Sobald du einmal gezählt hast, siehst du deine Texte anders. Du bemerkst beim Schreiben, wenn du zu lange auf einer Ebene bleibst. Du spürst, wann ein Text den Leser verliert – und wann er ihn gewinnt.

Dabei geht es nicht darum, jeden Satz zu optimieren. Es geht darum, ein Bewusstsein zu entwickeln – für das, was Sprache tut. Denn Sprache tut immer etwas. Sie verbindet oder trennt, lädt ein oder schließt aus, gibt Raum oder nimmt ihn.

Schreibstil verbessern mit Psychologie bedeutet folglich nicht, Techniken auswendig zu lernen. Es bedeutet, zu verstehen was bereits passiert – und dann bewusst zu entscheiden, was du damit machst.

Wenn du das in der Gruppe erleben möchtest – wie andere Texte auf diese Weise lesen und was dabei entsteht – dann schau dir die Münchner Schreibwerkstatt an.

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