Positives Priming beginnt nicht mit Selbstoptimierung. Es beginnt mit einer ehrlichen Frage: Welche Geschichte erzählst du dir eigentlich über dich selbst?
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind in Gesprächen war. Jemand redete über Pizza – den Belag, den Geschmack, das Restaurant. Und ich wollte wissen, wie der Teig gemacht wird. Welches Mehl. Welche Temperatur. Was passiert chemisch beim Backen.
Die anderen wollten das nicht wissen. Sie wollten über Pizza reden – und danach ihr Gehirn wieder einschlafen lassen. Ich nicht.
Damals dachte ich: Ich bin falsch. Zu schnell, zu viel, zu laut. Zu viele Themen gleichzeitig, zu viele Ideen, zu viel Action im Kopf. Die Welt konnte mit mir nichts anfangen – weil ich nicht funktionierte wie alle anderen.
Das war meine innere Geschichte. Und ich hatte sie so oft wiederholt, dass ich sie für wahr hielt.
Wie Wiederholung das Gehirn formt
Propaganda funktioniert nicht durch Logik. Sie funktioniert durch Wiederholung und Emotion. Wenn ein Satz oft genug gehört wird – emotional aufgeladen, immer wieder – beginnt das Gehirn ihn als Wahrheit zu behandeln.
Das Interessante daran ist: Dasselbe Prinzip funktioniert in beide Richtungen.
Die Neurowissenschaft nennt es Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung und Wiederholung strukturell zu verändern. Neuronale Bahnen die regelmäßig aktiviert werden, werden stärker. Bahnen die nicht genutzt werden, schwächen sich ab.
Deshalb ist es kein Zufall, dass Menschen die sich jahrelang sagen „ich bin nicht gut genug“ irgendwann aufhören, es überhaupt noch zu hinterfragen. Die Bahn ist eingefahren. Der Gedanke läuft automatisch.
Aber dasselbe gilt folglich auch für konstruktive Gedanken. Wenn du dir regelmäßig gesunde Sätze ins Bewusstsein rufst – bewusst, wiederholt, emotional verankert – veränderst du dabei langfristig deine neuronalen Strukturen. Das ist keine Selbsttäuschung. Das ist Biologie.
Der Moment wo sich etwas verschob
Irgendwann verstand ich, was wirklich passiert war.
Nicht dass ich falsch war. Sondern dass ich anders verdrahtet bin. Wenn ich mit jemandem spreche der nicht mitkommt, ist das kein Versagen – weder seines noch meins. Es ist einfach ein Unterschied. Ich kann runterfahren wenn ich weiß dass es nötig ist. Ich kann zuhören, anpassen, Tempo drosseln.
Aber ich kann auch das Gegenteil nutzen: dass mein Kopf schnell ist, dass er Verbindungen herstellt wo andere noch gar nicht angefangen haben zu denken, dass ich um Mitternacht noch Ideen habe während andere längst müde sind.
Das war kein positives Denken im Sinne von „alles ist gut“. Das war ein ehrliches Hinschauen – und dann eine bewusste Entscheidung, welche Geschichte ich mir über mich selbst erzähle.
Das ist positives Priming. Nicht Selbstbetrug. Sondern bewusste Selbst-Programmierung.
Das Werkzeug – bewusste Propaganda für dich selbst
Die Übung ist einfach. Allerdings braucht sie Konsequenz.
- Wähle drei Sätze die du bewusst in dein Denken integrieren willst. Nicht Wunschdenken – sondern Sätze die wahr sein könnten, wenn du anfängst sie zu leben. Zum Beispiel:
„Ich kann konstruktiv denken, auch wenn andere laut werden.“ „Ich bin Teil einer gemeinsamen Welt.“ „Geduld ist Stärke, keine Schwäche.“
- Wiederhole sie täglich – besonders dann wenn du emotional bist. Denn Emotion verstärkt die neuronale Wirkung. Deshalb ist der richtige Moment nicht die ruhige Minute am Morgen, sondern der Moment wo es schwierig wird.
- Beobachte wie sich dein inneres Narrativ verändert. Nicht nach einer Woche – sondern nach Monaten. Neuroplastizität ist kein Sprint, sondern ein langsamer Umbau.
Was das mit Schreiben zu tun hat
Schreiben ist eine der wirksamsten Formen von positivem Priming – weil es Denken verlangsamt und sichtbar macht.
Wenn du einen Satz aufschreibst, musst du ihn zu Ende denken. Du kannst nicht halbfertig formulieren wie in einem Gedanken. Dadurch werden Muster sichtbar die sonst im Hinterkopf bleiben. Außerdem bleibt das Geschriebene – du kannst es wiederlesen, überarbeiten, bewusst verändern.
Deshalb nutzen wir in der Münchner Schreibwerkstatt das Schreiben nicht nur als kreatives Ausdrucksmittel. Sondern auch als Werkzeug zur bewussten Selbstreflexion. Was du aufschreibst, nimmst du ernster als was du nur denkst.
Wenn du wissen möchtest wie das in der Gruppe funktioniert, schau dir die Seminare an.